Allein auf dem Mosel-Camino – meine erste Pilgerung

Ich werde den Jakobsweg gehen. Allein.

Plötzlich ist der Gedanke in meinem Kopf und die Idee so fest in mir, dass ich sie nicht mehr los werde. Mein Herz beginnt zu klopfen, in meinem Bauch kribbelt es und ich bin richtig aufgeregt, wenn ich an grüne Wiesen, dichte Wälder, glitzernde Flüsse und mich in Wanderschuhen mit einem Rucksack auf dem Rücken denke. Nur ich und die Natur. Nur ich und das Wandern. Nur ich und meine Gedanken.

Gesagt, getan. Viel Zeit zum Planen bleibt nicht. Obwohl es zwar noch einige Wochen bis zu den Osterferien sind, gelingt es mir neben dem alltäglichen Wahnsinn kaum, mal in Ruhe über die Tour nachzudenken. Meiner Freundin erzähle ich schon von meinen Plänen, was mich selbst überrascht. Normalerweise behalte ich meine Vorhaben so lange für mich bis ich sie gut durchdacht habe. Nebenher fange ich an, die Route zu planen, erwische mich aber immer wieder bei dem Gedanken, mich nicht festlegen zu wollen. Die Comfortzone ist manchmal einfach zu gemütlich. Doch ich spüre, dass ein Zurück keine Option ist. So bestelle mir Wanderschuhe bei Amazon in zwei Größen und leihe mir einen Rucksack bei unserem Kumpel Tom. Ich entscheide mich für den Mosel- Camino zwischen Koblenz und Trier, der tolle Weinberge, wenig Menschen und eine gute Zuganbindung verspricht. Das Zugticket und die erste Unterkunft buche ich einen Tag vorher, verändere am Abend bevor es losging allerdings nochmal die Route meiner ersten Etappe, so dass ich mir morgens kurz vor knapp noch schnell ein anderes Hotelzimmer reserviere.

Tag 1 (Koblenz – Alken, ca. 18 km eigtl., ca. 600 Hm.)

Gleich gehts in den Zug nach Koblenz.

Der Abschied von meinem Sohn ist tränenreich und als ich in der Straßenbahn sitze, überlege ich für einen kurzen Moment, umzudrehen. Doch meine Neugier auf das Alleinsein, meine Lust auf die Natur und die Vorfreude auf das Wandern sind stärker und so steige ich in den Zug nach Koblenz. Auf der Bahnfahrt genieße ich die Ruhe das Nichts tun. Ich hole zwar meinen ebook reader heraus, merke aber schnell, dass ich zu aufgeregt bin, um mich auf das Buch zu konzentrieren. Nach etwa eineinhalb Stunden Zugfahrt komme ich am Bahnhof in Koblenz an. Beim Backwerk kaufe ich mir den teuersten Falafel- Wrap, den ich je gegessen habe und ärgere mich schon beim Bezahlen über meine Wahl. Da die erste Etappe „nur“ 18 km lang ist, habe ich mich während der Zugfahrt entschieden, nicht den Bus nach Stolzenfels zum eigentlichen Startpunkt des Jakobweges zu nehmen. Stattdessen möchte ich direkt loslegen und die Strecke wandern. Google maps zeigt mir den Weg und so wandere ich entlang des Rheins durch Parkanlagen und ein Gewerbegebiet, vorbei an der ersten Muschel, die nun mein wichtiger Begleiter ist, bis ich oben am Berg das Schloss Stolzenfels sehen kann. Über Treppen geht der Weg hoch zum Schloss. Der Himmel ist zwar bewölkt, doch es ist trocken. Ich genieße die frische Luft und die interessierten Blicke der Radfahrer und Läufer, die mir entgegenkommen und sich zu fragen scheinen, welche Pläne ich wohl habe. Bergauf führt der Weg am Schloss vorbei in den Wald. Bis ich den Ortsrand von Waldesch erreicht habe, sind zwei Stunden vergangen, in denen ich bis auf eine Spaziergängerin mit ihrem Hund keine weitere Menschenseele sehe. Mein Pfefferspray habe ich mir zur Sicherheit in die Gürteltasche des Rucksackes gesteckt, fühle mich aber so wohl, dass ich es nicht heraushole.

Schloss Stolzenfels

Als ich mittags das Örtchen Waldesch erreiche habe ich Hunger und Lust auf einen Kaffee. Google maps zeigt mir zwei Bäckereien an, die in gegensätzliche Richtungen liegen. Ich entscheide mich für eine der beidenS. Schon von Weitem wundere ich mich über die geschlossene Tür und das dunkle Ladenfenster, kann mir aber nicht vorstellen, dass sie mitten am Tag zu hat. Ich hole mein Smartphone raus und siehe da: Ab 12.30 Uhr geschlossen. Lachend drehe ich um und gehe zur anderen Bäckerei, die sich in einem Supermarkt befindet. Willkommen auf dem Land! Dort bestelle ich mir einen Milchkaffee und kann den süßen Teilchen nicht widerstehen, die mich aus der Ladentheke anlachen. Ich ignoriere den überteuerten Wrap in meinem Rucksack und entscheide mich für ein Puddingteilchen. Ich hole erneut meinen e book reader raus und fange zu lesen an. Noch kurz eine Flasche Wasser im Supermarkt kaufen und dann geht es weiter über Wiesen Richtung Mosel. Die Sonne kommt raus und beschwingt durch das frühlingshafte Wetter und die leckere Auszeit wandere ich weiter. An Bauernhöfen vorbei geht es den Berg hoch. Glücksgefühle durchströmen mich und die Gedanken an Zu Hause sind weit weg. Ich folge weiter den Jakobsmuscheln, die mir den Weg weisen.

Wiesen oberhalb von Waldesch

Es geht bergab und den Weg führt in den Wald rein. Inmitten der Bäume kann ich keine gelbe Muschel mehr finden. Ich gehe zur Letzten zurück, kann aber dort keine Richtungsänderung erkennen. Ich bin verunsichert und hole mein Smartphone heraus, doch ich habe weder Netz noch Internet. Logisch. Eine Wanderkarte habe ich auch nicht dabei. Da es mittlerweile schon nach 16 Uhr ist und ich noch ein gutes Stück vor mir habe, werde ich nervös. Im Hotel habe ich mich für den späten Nachmittag/ frühen Abend angekündigt. Es muss der richtige Weg sein. Minutenlang laufe ich weiter ohne eine Muschel zu sehen. Ich merke wie mir leicht unheimlich wird. Ich erschrecke mich kurz, da plötzlich etwas hinter mir ist. Schnell stelle ich fest, dass es nur mein Rucksack war, den ich im Augenwinkel gesehen habe. So cool wie anfangs bin ich wohl nicht mehr. Doch ich gehe den Weg weiter und an einem Baum sehe bald eine Muschel. Ich bin erleichtert und fast ärgere ich mich über meine Schissigkeit. Ich verlasse den Wald und wandere weiter über eine Wiese. Dann überquere ich eine Schnellstraße und gehe einen Weg bergauf, der zur Dreifaltigkeitskirche auf dem Bleidenberg führt. Ein geschlängelter Wanderweg führt bergab und ich erhasche einen Blick auf den Ort, der sich unter mir befindet. Vorbei an der Burg Thurant passiere ich das Ortsschild von Alken. Fachwerkhäuser und Weinstuben säumen den Weg. Bei dem schönen Wetter sind einige Anwohner auf der Straße, plaudern miteinander oder kehren ihre Einfahrt und grüßen mich freundlich zurück. Die in der Sonne glitzernde Mosel liegt vor mir. Ich genieße den Anblick und freue mich, mein Ziel erreicht zu haben.

Dreifalitigkeitskirche
Willkommen in Alken!

Ich komme an einem kleinen Supermarkt vorbei, wo ich mein Pfand zurückgebe und mir eine neue Flasche Wasser kaufe. Hungrig beiße ich endlich in meinen Wrap, den ich bis dahin so stiefmütterlich behandelt habe. Es geht weiter entlang der Mosel über die Moselbrücke nach Löf. Direkt hinter der Brücke mit Moselblick liegt das Hotel „Zur Traube“, wo ich mir heute Morgen im Stress noch schnell ein Einzelzimmer reserviert habe.

Hotel “Zur Traube”, direkt hinter der Moselbrücke Alken – Löf

Meine App zeigt 26,2 gelaufene Kilometer an. Der Wirt empfängt mich freundlich und ich freue mich wie ein kleines Kind, über mein erstes „eigenes“ Hotelzimmer. Ich rufe Martin an und wir tauschen uns kurz über den Tag aus. Unser Sohn hat noch eine Stunde nachdem ich weg war, nach mir geweint. Im Laufe des Vormittages ging es ihm besser und sie haben den Nachmittag bei den Großeltern verbracht. Ich plane die zweite Etappe und reserviere mir problemlos ein Zimmer für den nächsten Tag. Im Hotel- Restaurant genieße ich eine Weißweinschorle und Lachs mit Bärlauchknödel. Schmunzelnd denke ich, dass Wein- Expertise schließlich auch zum Mosel- Camino gehört. Da ich nur Sportkleidung dabeihabe, fühle ich mich anfangs ein bisschen deplatziert, entspanne mich aber schnell. Ich sitze allein am Tisch umgeben von Paaren, was mir überraschenderweise gar nichts ausmacht. Mehr und mehr breitet sich das Gefühl in mir aus, mir selbst genug zu sein. Zufrieden und glücklich falle ich später in einen tiefen Schlaf wie schon lange nicht mehr und wache erst wieder am nächsten Morgen von meinem Handywecker auf.

Tag 2 (Alken – Treis- Karden, ca. 19 km eigtl., 600 Hm.)

Der neue Tag startet sonnig. Ich beginne ihn mit einer kleinen Dehnungs- und Kräftigungseinheit. Meine Waden sind zwar leicht verhärtet, aber ich bin gut gelaunt, voller Energie und Vorfreude auf den zweiten Wandertag. Gemütlich frühstücke ich und werde auch hier wieder von den Nachbartischen neugierig beäugt. Obwohl sich mein Hotel auf dem Jakobsweg befindet, gehe ich die Strecke über die Moselbrücke zurück, um mich im Supermarkt noch mit Wasser, Tomätchen und Laugenbrötchen für den Mittag auszustatten. Danach starte ich meine zweite Etappe richtig. Entlang der Bahnschienen wandere ich unterhalb der Rabenlay durch das nette Dörfchen Hatzenport. Bergauf führt der Weg hoch zum Küppchen, ein Startplatz für Drachenflieger. Heute ist leider niemand da und so genieße ich nur die herrliche Aussicht über die Mosel. Ein Selfie darf natürlich auch nicht fehlen.

Blick über Burgen

Über Lasserg gehe ich weiter über Felder und durch Wälder. Ich komme an einem Café für Ausflügler vorbei und überlege eine kleine Rast zu machen. Doch ich entscheide mich dagegen. Mit einem kleinen Bächlein werde ich kurze Zeit später belohnt. Zuerst zögere ich, Schuhe und Socken auszuziehen und meine Füße ins Wasser zu halten. Ich habe die Worte meines Vaters im Ohr, dass nackte und aufgeheizte Füße bei Luftkontakt anschwellen und danach nicht mehr in die Wanderschuhe passen. Doch ich beschließe meine Zweifel zu ignorieren und meiner inneren Stimme zu folgen. Ich suche mir ein nettes Plätzchen am Bach und tunke meine Füße ins Wasser. Das kühle Wasser ist herrlich und belebend. Während ich einen mini Wasserfall beobachte, durchströmen mich Glücksgefühle und ich bin voller Dankbarkeit für die Reise, die Natur und das Leben. Ich mache mich wieder auf den Weg und als mir kurze Zeit später immer mehr Tageswanderer mit kleinen Rucksäcke und später Ausflügler in insta- tauglichen Outfits entgegenkommen, weiß ich, dass die Burg Eltz nicht mehr weit sein kann. Über eine Treppe mit Riesen Stufen gelange ich zu ihr hoch. Vor der Burg stehen einige Besucher, die entweder ein Selfie machen oder vor einer Kamera posieren. Ich höre englische Wortfetzen und sehe wie jemand seinen Koffer mit einem Schildchen am Griff hinter sich herzieht, das auf einen Flug hinweist. Die Burg scheint ein Touristenmagnet zu sein und auch ich finde sie sehr imposant. Ich gehe die Treppen runter zur „Unterschenke“ und stelle mich in die Schlange für einen Latte an. Einige der Wartenden treten unruhig von einem auf den anderen Fuß. Ich blicke zur Kasse und sehe die gestressten Gesichter der Mitarbeiterinnen. Es scheint also etwas länger zu dauern. Egal. Nach einer 20- minütiger Wartezeit bekomme ich meinen Kaffee und suche mir einen Platz. Endlich. Trotz des schönen Wetters ist es hier kalt und windig. Ich trinke recht zügig aus und mache mich wieder auf den Weg zurück in die Sonne. Schnell noch auf Toilette und die Wasserflasche auffüllen. Die Burg Eltz gefällt mir, doch ich freue mich wieder auf Ruhe und Einsamkeit. Auf dem Rückweg lasse ich es mir nicht nehmen, auch ein Selfie von mir und der Burg zu machen.

Burg Eltz

Der Weg führt bergauf durch den Wald und schon nach wenigen Minuten bin ich wieder für mich. Ich lasse meine Gedanken schweifen und bin so auf mich konzentriert, dass ich scheinbar einem falschen Weg folge. Mein GPS zeigt mir bei google maps an, dass ich in die richtige Richtung gehen und so folge ich dem Weg trotzdem. Ich bin schon wesentlich entspannter als gestern und vertraue auf mein Bauchgefühl. Nach einigen Minuten komme ich an einem kleinen Bauernhof vorbei und siehe da: eine gelbe Muschel. Ich freue mich, dass ich scheinbar alles richtig gemacht habe. Ich überhole eine Familie mit einem Sohn im Teenageralter, von denen mich die Frau anspricht. Sie fragt, ob ich allein unterwegs sei und keine Angst habe. Ich erkenne einen typischen Ruhrpott- Slang. Wir gehen ein Stück gemeinsam und plaudern, doch bald stelle ich fest, dass keine Muschel mehr kommt. Ich verabschiede mich, drehe um und finde schnell wieder den Jakobsweg. Durch den Wald gelange ich zum Aussichtspunkt Kappes Köpfchen und habe einen herrlichen Blick über Treis- Karden. Ich bin überrascht und setze mich auf eine Bank, um die Aussicht zu genießen. Unterhalb von mir turtelt ein junges Pärchen.

Blick über Treis- Karden

Es geht steil hinab und ein gutes Stück durch das nette Städtchen Treis- Karden bis ich die Brücke erreiche, die auf die andere Moselseite führt. Dahinter liegt meine Unterkunft. Die App zeigt ähnlich wie gestern 24,4 km an. Das Hotel „Reis“, in dem ich ein Zimmer reserviert habe, liegt wieder direkt an der Mosel. Mein Einzelzimmer ist überschaubar und verfügt über ein Singlebett wie ich es zuletzt mit zehn hatte. Doch ich dusche in einem nagelneuen Badezimmer und bereite meine Etappe für den nächsten Tag vor. Am Telefon hatte mir Martin sein o.k. gegeben, dass ich meine Tour um einen Tag verlängern kann und somit nicht Karfreitag, sondern Samstag zurückkehren kann. Die Tour und die Zeit für mich gefällt mir so gut, dass ich sie gerne noch einen Tag länger auskosten möchte. Ich buche mir wieder problemlos ein Zimmer für den nächsten Tag in Trab- Traben. Auf Empfehlung der Wirtin esse ich in einem Weingut zu Abend. Mit meiner Wanderkleidung bin ich hier in guter Gesellschaft. Ich bestelle mir einen Rosé und bin danach leicht angeschwipst. Durch die dunklen Gässchen gehe ich schnellen Schrittes zurück zum Hotel.

Rosé im Weingut Otto Knaup, Treis- Krarden

Als ich schon im Bett liege schaue ich mir noch einmal die Route für den nächsten Tag an. Bei der dritten Etappe soll es sich um eine zehnstündige Tour nach Bully handeln. Puh, zehn Stunden ist lang. Konkret würde es bedeuten, dass ich vor 19 Uhr nicht am Zielort bin, wenn ich pünktlich um 9 Uhr starte und keinerlei Pausen mache. Ich werde als Gas geben müssen. Moment! Ich stutze. Bullay?! Hatte ich mir nicht eben für Traben- Trabach ein Zimmer reserviert? Oh neeeein. Kann ich nach 22 Uhr noch in einem Hotel anrufen? Nicht lange nachdenken, einfach machen. Kleinlaut entschuldige ich mich bei dem Wirt am Telefon über die späte Störung, doch er sagt mir ganz entspannt ein Einzelzimmer für den nächsten Tag zu. Ich checke noch schnell, ob das Hotel bei google eine gute Bewertung hat. Das hatte ich in der Eile ganz vergessen. 4,1 von 5 Sternen bei 73 Bewertungen, immerhin. Ich knipse das Licht aus und versuche zu schlafen. Müde aber noch zu aufgekratzt mit den Gedanken an die anspruchsvolle dritte Etappe wälze ich mich hin du her bis ich irgendwann einschlafe.

Tag 3 (Treis- Karden – Bullay, ca. 25 km, ca. 1000 Hm.)

Trotz der unruhigen Nacht wache ich am nächsten Morgen einigermaßen ausgeschlafen von meinem Wecker auf. Es starte den Tag wieder mit einem kurzen Dehnungs- und Kräftigungsprogramm bevor ich zum Frühstück runtergehe. Ich genieße den wunderbaren Blick nach draußen über die Mosel und das Frühstücksbuffet ist wirklich gut. Am Nachbarstisch sitzt eine Mutter mit ihrem Jungen, der schätzungsweise in dem Alter meines Sohnes ist. Ich beobachte die beiden und bekomme Sehnsucht nach meiner kleinen Familie. Pünktlich um 9 Uhr stehe ich an der Rezeption zum Bezahlen und starte zehn Minuten später meine dritte Tour. Mit Blick auf die zehnstündige Tour bin ich immer noch etwas nervös. Wieder beginnt ein sonniger Tag. Ich habe wirklich Glück mit dem Wetter. Die Luft ist noch angenehm kühl, doch im Laufe des Tages soll es heiß werden. Der Jakobsweg führt durch den Wald den Berg hinauf und Treis- Karden verschwindet schnell unter mir. Über Feldwege und Wiesen komme ich am Kloster Engelport vorbei.

Passt perfekt zu meiner Stimmung:
“Tu alles, was du kannst, in der Zeit, die du hast, an dem Ort, an dem du bist.”

Ich überquere eine Schnellstraße und ein Motorradfahrer fährt an mir vorbei. Bis dato war ich auf dem Weg allein und habe niemanden getroffen. Ich genieße die Natur und die Ruhe, lasse dabei meine Gedanken schweifen und denke über Gott und die Welt nach. Am Kloster führt der Weg über einen kleinen süßen Pfad vorbei. Dort kommt mir doch mal eine ältere Dame mit ihrem Hund entgegen. Auf dem Weg befinden sich stellenweise größere Baumstämme, über die ich klettern muss. Deshalb wundert es mich nicht als ich drei Männer mit Kettensägen treffe. Sie grüßen mich freundlich. Der Weg führt immer weiter auf den Berg. Am höchsten Punkt habe ich einen atemberaubenden Blick über Beilstein und die Kapuzinerkloster- Kirche. Ich mache ein Selfie.

Blick auf die Kapuzinerkloster- Kirche und Beilstein

Der Weg führt runter nach Beilstein, wo ich mir meine einzige größere Pause auf der langen Etappe geplant habe. Ich überlege in der Außengastronomie der Kirche einen Milchkaffee zu trinken, doch als ich die gesalzenen Preise sehe, drehe ich um. Überhaupt hätte ich den Altersdurchschnitt enorm gehoben, stelle ich schmunzelnd fest. Ich verlasse den Jakobsweg und wandere in Richtung Ortskern. Direkt an der Mosel setze ich mich mit wunderbarem Panorama auf die Terrasse eines Lokals und trinke meinen Kaffee. Die Sonne brennt heiß. Ich beobachte die anderen Urlauber und verschicke Urlaubsgrüße nach Hause. Bevor ich weitergehe, fülle ich meine Wasserflasche auf und stelle fest, dass ich mich besser hätte eincremen sollen. Mein linker Arm und mein Dekolleté sind leicht gerötet. Leider habe ich keine Sonnenmilch eingesteckt. Zu blöd. Ich nehme mir vor, Mitwanderer auf meinem Weg um ein wenig Creme zu bitten. Dabei vergesse ich, dass ich ja überwiegend wandere ohne eine Menschenseele zu treffen.

Latte Macciato in Beilstein

Gestärkt vom Kaffee und der schönen Aussicht setze ich meine Wanderung fort. Der Weg führt weiter über eine Schnellstraße. Zuerst bin ich verunsichert, doch die Muscheln bestätigen, dass ich richtig bin. Autos und Motorradfahrer brettern an mir vorbei und schütteln teilweise den Kopf über mich. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Anfangs kann ich noch auf der Wieser neben der Fahrbahn gehen. Doch nun begrenzt eine Leitplanke die Fahrbahn. Daneben geht es einen Hügel herunter, was mir das Gehen erschwert. Einige hundert Meter balanciere ich zwischen Leitplanke und abschüssiger Wiese und ärgere mich über die Wegwahl der Routenplaner. Endlich geht es hoch in den Wald auf die Hunsrückhöhen. Auch hier kann man nicht von einem Weg sprechen und herabgefallenen Äste und Laubhaufen erschweren das Vorankommen.

Hier führt der Jakobsweg an der Schnellstraße vorbei. Nicht so schön…

Schließlich gelange ich auf eine Wiese und passiere ein Kapellchen, wo ich eine kurze Trink- und Pipipause mache. Ich wandere noch ein gutes Stück, doch als ich Bullay erreiche bin ich überrascht schon da zu sein. Es ist nicht mal 16 Uhr. Meine App zeigt 24,6 kam an und ich bin fast ein bisschen enttäuscht, schon da zu sein. Ich ärgere mich kurz über die falsche Angabe und meine Nervosität im Vorfeld. Dann setze ich mich unter einen Baum an die Mosel, ziehe meine Schuhe aus und genieße das Gras unter meinen nackten Füßen. Ich lese in meinem e book reader und beobachte die vorbeikommenden Radfahrer und Fußgänger.

Eine gute Stunde später mache ich mich zur Unterkunft „Hotel Mosella“ auf, die ich am Abend vorher ja noch kurzfristig reservieren konnte. Ich werde sehr freundlich empfangen. Mein Einzelzimmer befindet sich nicht im Haupthaus, sondern in einem 100m entfernten Gästehaus. Das Zimmer ist klein und in die Jahre gekommen. Wenigstens habe ich einen Kühlschrank für mein Proviant. Auf den Kissen liegen Schokoladenhasen als verfrühter Ostergruß. Bis zum Abendessen habe ich noch ein bisschen Zeit. Ich mache mir den Fernseher an und gehe ausgiebig duschen. An den Armen und im Dekolleté habe ich nun etwas Sonnenbrand. Ich ziehe mich an und gehe zum Abendessen. Neben zwei Kindern, wovon das eine nicht mal zwei Jahre alt ist, bin ich mit Abstand die Jüngste. In dem Gewölbekeller des Hotels ist ein Buffet aufgebaut. Enttäuscht stelle ich fest, dass keine einzige Speise frisch, NICHT aus einer Konserve oder TK ist. Ich ärgere mich über meine Wahl und die 15 €, die das Abendessen kostet. Viel lieber würde ich jetzt in einem der netten Weingutshöfe speisen, an denen ich vorbeigegangen bin Doch für eine Nacht wird das schon o.k. sein, besänftige ich mich. Das Abendessen endet um 19.30 Uhr und ich bin einer der letzten Gäste, die noch im Speiseraum sind. Mit dem Wirt, der nur ein wenig älter als ich zu sein scheint, unterhalte ich mich nett. Er erinnert sich an mich als die junge Frau, die nach 22 Uhr am Abend vorher noch ein Einzelzimmer gebucht hat. Ich vergesse die Situation aufzuklären. Ich gehe zurück in mein Zimmer und schaue mir das Best of von „Let`s dance“ an. Da wir zu Hause kein Fernsehen haben und ich die Show früher sehr gerne geschaut habe, genieße ich es nun, dabei im Bett zu lümmeln. Leider habe ich genau das Zimmer neben dem Paar mit dem U2- Kind erwischt. Was für ein Pech. Um 22 Uhr mache ich das Licht aus, wälze mich aber bis Mitternacht hin und her und versuche das Kindergeschrei im Nachbarzimmer zu ignorieren. Ich habe Mitleid mit den Eltern, da ich diese Situation im Urlaub selbst so gut kenne. Als ich mir Kopfhörer in die Ohren stecke, schlafe ich endlich ein.

Tag 4 (Bullay – Traben- Trabach, ca. 27 km, ca. 1100 Hm.)

Für den heutigen Tag sind wieder Sonne satt und über 20 Grad angesagt. Die Vorhersage hält, was sie verspricht und so wache ich gut gelaunt um 6.30 Uhr von meinem Handywecker auf. Beim Frühstück sind wie ich bereits erwartet habe, alle Speisen Fertigprodukte. Sogar das Obst ins TK und innen drin noch gefroren. Der Kaffee kann man sich aus einem Automaten selbst ziehen. Ein Graus für eine Kaffeeliebhaberin wie mich. Aber was soll`s. Nach einem schnellen Frühstück bezahle mich und starte in meine vierte und letzte Etappe. Heute soll es bis nach Traben- Trabach gehen. Die Route ist wieder mit zehn Stunden und einigen Höhenmetern ausgeschrieben, doch ich bin zuversichtlich, dass ich es wieder schneller schaffen werde. Der Morgen ist sonnig und angenehm kühl. Auf den Straßen ist wenig los. Der Wirt verabschiedet sich mit den Worten, mich gerne nochmal bei sich begrüßen zu dürfen, vielleicht mit meiner Familie. Ich überlege mir, ihm eine nette und konstruktive Kritik bezüglich seines Essenskonzeptes bei google zu hinterlassen. Der Weg führt über eine Brücke auf die andere Seite der Mosel und dann einige Zeit an einer Schnellstraße entlang.

Ich bin tief in meine Gedanken versunken und sinniere über mich und das Leben. Irgendwann fällt mir auf, dass ich lange keine gelbe Muschel mehr gesehen habe. Über mein Handy versuche ich den Weg nachzuvollziehen, doch die Homepage lädt wegen des schwachen Internets mal wieder nicht. Ich beschließe zurück zur letzten Muschel zu gehen und stelle fest, dass ich die Entscheidung goldrichtig war. Kurz hinter der Brücke schon hätte ich die Schnellstraße überqueren und hoch in den Wald abbiegen sollen. 30 Minuten verloren, nicht schlimm. Ich freue mich über den Weg, der viel schöner und ruhiger ist als die lärmende Schnellstraße. Der Jakobsweg führt mich durch die Weinberge. Winzer kümmern sich um ihren Weinbergsboden. Ich genieße den Anblick der Wiesen, auf denen zahlreicher gelber Löwenzahn blüht.

Weiter führt mich der Weg runter nach Zell (Mosel). Über eine Brücke gelange ich auf die andere Moselseite, nachdem ich auf Wunsch eines Pärchens Fotos von ihnen gemacht habe. In Zell brummt der Bär. Viele genießen das schöne Wetter mit einem Spaziergang, einer Fahrradtour oder erledigen letzte Einkäufe für das Osterwochenende. Es ist zwar noch vor 12 Uhr, aber ich beschließe meine Rast jetzt schon zu machen. In einer Bäckerei kaufe ich mir ein Laugenbrötchen für später und einen Latte Macchiato für jetzt. Damit setze ich mich auf die schöne Terrasse. Von den Passanten werde ich kritisch gemustert. Anschließend tausche ich im benachbarten Büdchen mein Leergut gegen eine neue Flasche Wasser ein und setze meine Wanderung fort.

Ich lasse Zell hinter mir und gehe bergauf in den Wald. Neben mir plätschert ein kleiner Bach und ich freue mich über die Ruhe. Die Sonne brennt heiß runter und ich merke meinen Sonnenbrand. Ich nehme mir fest vor, für die nächste Tour, Sonnenmilch einzupacken. Selbst, wenn Regen angesagt ist. Der Weg wird immer steiler und ich gelange auf eine Aussichtsplattform, von der ich einen schönen Blick runter auf Zell und die Mosel habe. Ich mache ein verschwitztes Selfie.

Blick auf Zell

Weiter wandere ich durch den Wald und stelle erneut fest, dass ich eine Muschel übersehen haben muss. Ich kehre um und wandere den ganzen Abstieg wieder hoch. Recht schnell finde ich zurück auf den richtigen Weg. Es kommt mir ein Mann ähnlichen Alters auf einem Mountainbike und mit großem Rucksack auf dem Rücken entgegen. Obwohl weit und breit kein anderer Mensch zu sehen ist, habe ich keine Angst. Ich lasse ihn vorbei und wir grüßen uns. Es geht weiterhin bergauf. Der Mountainbiker und ich treffen uns noch einmal. Diesmal kniet er an seinem Fahrrad und fummelt an seinem Schuh herum. Er wirkt immer noch vertrauenswürdig, doch zur Sicherheit nehme ich mein Pfefferspray aus der Gürteltasche in die Hand. Er überholt mich und kurze Zeit später treffe ich ihn an einem erneuten Aussichtspunkt wieder. Gleichzeitig kommen drei weitere Wanderinnen mit mir an, was die Situation für mich entspannen lässt. Die Aussicht ist ähnlich wie auf der Plattform vorhin, nur von weiter oben. Ich nutze die Gelegenheit, einen Schluck zu trinken und setze dann meinen Weg weiter fort. Ich wandere weiter über Felder und Wiesen. Ab und zu begegnen mir Wanderer, meistens Pärchen. Die Route führte hinunter nach Enkrich. Es ist heiß und ich bin durstig und hungrig. Da ich kein schattiges Plätzchen sehe, es schon Nachmittag ist und die Zeit drängt, verlasse ich den Jakobsweg nicht. Bergauf wandere ich zurück auf die Höhe, die ich gerade erst abgestiegen bin. Mir kommen eine Reihe an Tageswanderer entgegen und ich komme aus dem Grüßen fast nicht mehr raus. Mir ist heiß und die Wanderlust verlässt mich langsam. Ich habe wenig Lust, den ganzen Weg wieder hochzugehen, da ich ihn doch erst gerade heruntergegangen bin. Doch ich bleibe bei meinem Plan, die Etappe zu Ende zu wandern. Ich mache mir Mut, dass ich in höchstens zwei Stunden Traben- Trabach erreichen werde. Eine kleine Pause, in der ich trinke, mein Laugenbrötchen aus Zell und meine letzten Stangen Staudensellerie esse tut mir gut. Ich begutachte die Haut oberhalb meiner Knöchel, die von der Reibung des Wanderschuhs brennt und entzündet zu sein scheint. Auch mein Sonnenbrand macht mir zu schaffen. Ich wandere weiter hoch. Auf einem Pfad gehe ich ein ganzes Stück mit Blick auf die Mosel, doch ich habe gerade wenig Sinn für das Panorama. Bald erreiche ich Starkenburg. Durch den Wald geht es von da aus erst gerade, dann absteigend runter nach Traben- Trabach. Die letzte Stunde macht noch einmal Spaß und ich genieße die letzten Meter. Doch als ich am Bahnhof ankomme, bin ich erleichtert.

Ziel erreicht: Glücklich und stolz

Ich kaufe mir ein Zugticket zum Koblenzer Hauptbahnhof. Bis der Zug einfährt, habe ich noch etwas Zeit und so kaufe ich mir im nahe gelegenen Edeka einen kühlen grünen Smoothie. In einer Seitenstraße wechsele ich mein verschwitztes T- Shirt. Müde, aber glücklich und voller Vorfreude auf zu Hause setze ich mich auf dem Bahnsteig in den Schatten zu vier Halbstarken auf den Asphalt. Bis zum Koblenzer Hbf muss ich einmal umsteigen. Die Verbindung ist gut. Ich entspanne mich auf der Zugfahrt, trinke meinen Smoothie und höre Podcasts. Ich schreibe meinem Vater eine SMS und bedanke mich darin, dass er mir schon als Kind das Wandern nähergebracht hat. Ich bin stolz und glücklich über die wunderschönen Tage, die ich auf dem Mosel- Camino verbracht habe. In Koblenz warte ich auf den Zug nach Köln. Vor dem Fahrplan werde ich von einem verwirrten Mann angerempelt und mit heißem Kaffee überschüttet. Zum Glück ist er nicht mehr dampfend heiß. Ich steige in den Zug nach Köln und spüre die neu gewonnene Energie, die mich durchströmt. Ich kann gar nicht fassen, dass es nur vier Tage her ist, dass ich am Koblenzer Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen bin. Ich bin unglaublich dankbar, nicht auf meine Zweifel gehört, sondern die Pilgerung allein gewagt zu haben. Frei von äußeren Reizen der Großstadt und denen, die in der Interaktion mit anderen Menschen entstehen, bin ich der Stille der Natur und des Alleinseins mit mir und meinen Bedürfnissen in Kontakt gekommen. Ich konnte in mich hineinspüren und viele Dinge durch- und zu Ende denken, bei denen ich im Trubel des Alltages unterbrochen worden bin. Es tat gut, meine Gedanken für mich zu sortieren und neu zu strukturieren. Ich komme voller neuen Ideen zurück. Schon Steve Jobs kamen die besten Ideen bei Spaziergängen in der Natur und auch die Wissenschaft bestätigt, dass die gleichmäßige Bewegung unsere Kreativität fördert. Die Momente, in denen ich Angst hatte und sie allein überwunden haben, geben mir Selbstbewusstsein und neues Vertrauen in mich. The only way out is through. Ich bin mir sicher, dass die Pilgerung nicht meine Letzte gewesen sein wird und freue mich schon sehr, den Mosel- Camino zu Ende zu gehen. Buen Camino!

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